Baumwolle, Bio Baumwolle

 

Es gibt wenige Rohstoffe, mit denen sich eine so lange, komplexe und problematische Geschichte verbindet wie mit der Baumwolle. Diese möchten wir in Zukunft in verschiedenen Artikeln erzählen - und dabei nicht nur auf die historischen, politischen, geografischen oder klimatischen Ebenen eingehen, sondern vor allem auch über die Perspektiven sprechen, die sich für uns als Unternehmen ergeben.

Insbesondere durch die vergangenen anderthalb Jahre und die globale Pandemie ist noch einmal in aller Deutlichkeit klar geworden, wie disproportional Chancen und Risiken global verteilt sind und die Verantwortung, sich damit auseinander zu setzen, ist unumgänglich geworden. Aber Hand aufs Herz - unsere "Branche", also diejenige, bei der Rohstoffe, Textilien und Lieferketten im Mittelpunkt stehen, hat diese Verantwortung sowieso und in besonderer Weise.

In einem ersten Teil möchten wir die historischen Dimensionen der Kultivierung von Baumwolle in den Blick nehmen. Diese verbindet sich ganz unmittelbar mit der Geschichte der Sklaverei in den USA, den Erfindungen des Industriezeitalters und den Effekten von Kolonialisierung und Globalisierung auf insbesondere Länder wie Indien. Bis heute sehen wir, welche weitreichenden Konsequenzen all das hatte und hat - und merken, dass die Probleme eigentlich gar nicht so historisch sind, wie wir manchmal glauben möchten.

Man geht heute davon aus, dass die Baumwollfaser bereits seit vielen tausenden Jahren bekannt ist und für die Herstellung von Kleidung verwendet wurde; Funde in Mexiko belegen zumindest ein Alter von rund 7.000 Jahren. In Indien wiederum hat es schon sehr früh Entkörnungsmaschinen, Webstühle oder auch Spinnräder gegeben, was das Land bereits vor über 1000 Jahren zu einem wichtigen Knotenpunkt für die Textilwirtschaft machte.

Spun cotton


Die europäische Geschichte der Baumwolle stellt sich indes sehr viel anders dar: Leinen, Hanf, Wolle oder Seide waren dort zunächst weiter verbreitet, Baumwolle wurde erst dann wirklich interessant, als die Strukturen zu ihrer Verarbeitung geschaffen waren - mit dem Einsatz dessen also, was wir heute als "Industrielles Zeitalter" beschreiben. Was auf der einen Seite der Geschichte - der westeuropäischen, weißen - eine Erzählung von Fortschritt und Akkumulation von Kapital bedeutete, kam nur um den Preis einer Gegenerzählung von Ausbeutung und der Unterwerfung von und dem transatlantischen Handel mit Menschen, die auf diese Weise zur Ware wurden.

Für die globale Entwicklung des Kapitalismus ist das fundamental wichtig gewesen, wie immer mehr Texte zeigen, die sich mit den Zusammenhängen imperialistischer Bestrebungen und der Geschichte der Baumwolle beschäftigen. Ihnen geht es vor allem auch darum, das wechselseitige Verhältnis der Entwicklungen in Großbritannien und den Kolonien in Amerika in den Blick zu nehmen. Eine Erfindung war dabei von besonderer Bedeutung: die der Ginnery, der Engreniermaschine. Nachdem 1764 mit der 'Spinning Jenny' zunächst die erste industrielle Spinnmaschine erfunden worden war, hat sich die europäische und amerikanische Textilindustrie massiv verändert.

Das Zeitalter industrieller Massenproduktion begann - und die Nachfrage nach Baumwolle wurde in einem Ausmaß in die Höhe getrieben, das die Sklaverei in den amerikanischen Kolonien weiter forcierte. Als Eli Whitney 1793 dann die Cotton Gin erfand, wuchs das Ausmaß der Sklaverei ins Unermessliche: Mitte des 19. Jahrhunderts gab es über zwei Millionen Sklaven auf mehr als 70.000 Plantagen - für deren Aufbau man die Vertreibung der indigenen Bevölkerung billigend in Kauf nahm.

Diese Entwicklung, die man kaum in Worte fassen kann, hatte selbstverständliche Konsequenzen für den Preis des Rohstoffs: 1860 kostete Baumwolle nur noch 1% dessen, was sie zuvor gekostet hatte und "Cotton" wurde "King", wie der Senator und Plantagenbesitzer James Henry Hammond in einer Rede 1858 unmissverständlich klar machte. Hammond, der Südstaatler gewesen ist und sein Leben sozusagen dem Erhalt der Sklaverei verschrieb, starb dann, als die Nordstaaten im Nachgang zu den Sezessionskriegen Ende 1865 die Sklaverei abschafften - zumindest auf dem Papier.

Dieser Einschnitt hatte, denn auch das bringen globale Zusammenhänge mit sich, weitreichende Konsequenzen in Großbritannien. Da man Baumwolle aus den amerikanischen Südstaaten als "Sklavenbaumwolle" nicht länger verarbeiten wollte, brachen die dortigen Arbeitsplätze in den Manufakturen zunächst ein. Abhilfe schaffte Großbritannien, indem es die von ihm kontrollierten Gebiete Ägypten und Indien und die dortigen Pachtbauern zwang, den Anbau von Grundnahrungsmitteln aufzugeben und stattdessen Baumwolle anzubauen. Es erübrigt sich zu sagen, dass die dort ansässigen Bauern unter diesen Entwicklungen litten und bis heute leiden und dass die wirtschaftliche Angebundenheit und Abhängigkeit vom Empire Verhältnisse von Armut und Hungersnöten schufen, deren Konsequenzen sich bis heute fortsetzen.

Eine steigende Nachfrage und die gleichzeitige Reduzierung des Nahrungsmittelanbaus haben insbesondere in Indien Strukturen etabliert, bei denen unter menschenunwürdigsten Bedingungen gelebt und gearbeitet wurde und wird. Forciert wurden diese Entwicklungen vor allem durch den Anbau transgener, also gentechnisch veränderter Baumwolle, die in Indien seit 2002 angebaut wird - und entgegen aller Versprechen nicht zu einer Ertragssteigerung führt. Sie führt jedoch zu etwas anderem - dem Einsatz von immer mehr Pestiziden, da die Baumwolle schnell Resistenzen entwickelt.

Und nicht nur das: Da die indischen Baumwollbauern auf immer teureres Saatgut angewiesen sind, um ihre Felder überhaupt bestellen zu können, verschulden sie sich oft so sehr, dass Selbstmord zum einzigen Ausweg wird. Hunderttausende Fälle sind belegt - und zu oft bleiben diese Fälle nur eine Zahl, die völlig aus dem Blick verliert, dass hinter jedem Tod ein Individuum mit Familie und Beziehungen steht.

Indien und seiner langen Geschichte kolonialer Ausbeutung, dem Widerstand und dem, was seit der (vermeintlichen) Dekolonisation 1947 geschehen ist, möchten wir aber einen eigenen Beitrag widmen - insbesondere auch, weil wir selbst schon vor Ort gewesen sind und es nicht zuletzt auch die dortigen Beobachtungen und Verhältnisse gewesen sind, wegen derer wir Lebenskleidung gegründet haben.

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